"Ich fühle eine große Motivation"

Datum: 25.01.10

Am 7. November 2009 wurde Georges Guelzec (FRA) mit 24 Stimmen zum neuen Präsidenten der UEG gewählt. Am 23.01.2010 fand in Wien die offizielle Übergabesitzung statt.

Georges Guelzec, am 23. Januar wurden Sie offiziell Präsident der UEG – welche Gefühle entstehen in einem solchen Moment?
GG.: Ich fühle eine sehr starke Motivation. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Team welches anlässlich des Kongresses in Tel-Aviv gewählt wurde, denn ich werde ein sehr teamorientierter Präsident sein.

Beim Kongress hatten die drei Präsidentschaftskandidaten der UEG keine wirkliche Gelegenheit sich über ihre Projekte zu äussern.Welche Strategien und welche Sportpolitik werden Sie während den kommenden vier Jahren verfolgen?
Ich wünsche die Einnahmenquellen der UEG zu erweitern, denn heute lebt die UEG fast ausschliesslich vom Fernsehvertrag. Ich werde mich ebenfalls für eine noch bessere Qualität aller UEG-Anlässe einsetzen.

Ihr Wahlprogramm konnte 24 nationale Mitgliedsverbände (NV) überzeugen – welches sind die Aufgaben die Sie mit Priorität anpacken werden?
Als Priorität sehe ich die Revision der Statuten, und die Bildung einer Partnergruppe bestehend aus verschiedenen Unternehmen und Firmen. Ich sehe auch vor, den Akzent auf die Kommunikation und die Hilfestellung an unsere nationalen Mitgliedsverbände (NV) zu setzen.

Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger, der sich zwar immer sehr für die sportlichen Angelegenheiten einsetzte, sind Sie ein Vollblutturner der alle Stufen seines Sportes sowohl in Frankreich wie auch in Europa erklommen hat. Mit einem solchen Background und Mass an Erfahrung was werden Sie dem europäischen Turnsport bringen?
Den sportlich ausgerichteten Projekten der acht technischen Komitees werde ich meine volle Aufmerksamkeit widmen. Das bedeutet aber auch, dass wir die finanziellen Mittel finden müssen um solche Projekte umzusetzen.

Entspricht das heutige Turnen auf der Hochleistungsstufe ihren persönlichen Vorstellungen?
Der Spitzensport – und ich denke hier besonders ans Kunstturnen – ist einer ständigen Entwicklung unterworfen. Die Vorschriften und Reglemente werden vom Weltverband FIG bestimmt. Man hat vieles bei der Gerätekonzeption und -herstellung erreicht, wie z.B. mit dem Sprungtisch, und auch im Bereich der technischen Kompetenz der Trainer/innen. Was mich betrifft, wünsche ich mir einen Turnsport der sich vermehrt in Richtung „Kunst“ und in der Perfektion der Bewegung entwickelt. Ebenfalls erhoffe ich mir eine höhere Wertstellung der „Allrounder”, d.h. der Mehrkämpfer/innen. Es ist so, die Zusammenstellung der Übungen und alle technischen Regeln werden von der FIG bestimmt. Die UEG, wie auch die anderen kontinentalen Unionen, sind jedoch frei neue Wettkämpfe und/oder Wettkampfformate zu entwickeln.

Thema FIG – wie sehen Sie die Beziehungen zum Dachverband, dessen Exekutivkomittee Sie von Amtes wegen als Präsident von Europa angehören?
Ich pflege jetzt schon ausgezeichnete Beziehungen mit dem Präsidenten Bruno Grandi wie auch mit mehreren EK-Mitgliedern welchen ich zuvor als Turner, Trainer, Kampfrichter und auch in meinen Führungstätigkeiten begegnet bin. FIG und UEG sollen sich ergänzen. Den kontinentalen Unionen stehen grössere Entwicklungsaufgaben- und Zielsetzungen zu als der FIG, ganz besonders im Bereich der Junioren.
2012 finden die Olympischen Sommerspiele in London statt. 2008, in Peking, standen die europäischen Turner etwas im Schatten ihrer asiatischen Konkurrenten. Darf man sich für London erhoffen, dass sich die Situation wendet?

Ich hoffe es – und ich bleibe sehr zuversichtlich. Ich werde dazu den NV alle Unterstützung bieten, damit sie ihre besten Leistungen abrufen können (Material und Geräte für die Trainingsstützpunkte usw.)

Wie sieht es mit den nicht-olympischen Disziplinen aus (Acro, Aerobic, Tumbling usw.) – will/kann die UEG das heutige Programm so weiterführen?
Die verantwortlichen Technischen Komitees haben bereits in ihren Disziplinen einiges verbessert. Es bleibt dennoch noch vieles in den Bereichen Qualität der Wettkämpfe, Wettkampfformate und auch in der Entwicklung zu tun.

Die UEG organisiert alle zwei Jahre das Jugendfestival EUROGYM und das GOLDEN AGE GYM FESTIVAL (Turner/innen 50+). Soll/kann die UEG noch mehr tun im Bereich „Turnen für Alle”?
Das Turnen für Alle (TfA) hat in den letzten Jahren eine erhebliche Entwicklung erlebt, sowohl bei der Jugend wie auch bei den älteren Turner/innen. Es wäre jetzt angebracht, dass man sich mit der FIG an einen Tisch setzt um die Aktivitäten im Bereich TfA zu koordinieren, da viele dieser Angebote im Raum Europa stattfinden.

Sie waren u.a. stark in der Durchführung der zwei UEG-Seminare (2005 und 2007) engagiert. Wurden daraufhin Projekte umgesetzt und welche „Baustellen“ könnten/sollten noch realisiert werden?
Diese beiden Seminare haben es dem Exekutivkomittee der UEG ermöglicht verschiedene Beschlüsse zu fassen. Nach dem Seminar 2007 bestehen noch gewisse Unklarheiten und es müssen noch Beschlüsse gefasst werden. Gewisse Baustellen und Vorhaben müssen reaktiviert werden. Die Zukunft der UEG sollte auch wieder ein Arbeitsthema werden. Diese verschiedenen Fragen könnten z.B. Anlass zu einem 3. UEG-Seminar sein.

Als amtierender Vizepräsident waren Sie sehr aktiv bei den UEG-Anlässen involviert. Dabei haben Sie immer ausgezeichnete Beziehungen zu den Medien gepflegt und Verständnis für deren Bedürfnisse gezeigt. Gedenken Sie nun als Präsident dieses Gebiet zu verstärken und wenn ja, wie?
Der Turnsport ist zuweilen schwer verständlich sowohl für die Medien wie auch für das breite Publikum. Wir müssen unsere Kommunikationsmittel verstärken indem wir grössere finanzielle Mittel für die Anlässe und Wettkämpfe einsetzen. Ich sehe zwei Wirkungs-Ebenen: die zielgerichtete Information der Zuschauer in der Halle und des TV-Publikums. Die zweite Ebene betrifft das Fernsehen.

Das Turnen ist bei den Grossanlässen wie den Olympischen Spielen im TV immer sehr stark präsent. Auch die Europameisterschaften in den olympischen Disziplinen Kunstturnen und Rhythmische Gymnastik werden in Europa fast flächendekkend übertragen. Das Format und die Qualität der UEG-Wettkämpfe spielen beim Medien-Interesse sicher eine grosse Rolle. Aber man kann sicher mehr tun? Wenn ja, wie?
Wir müssen zugeben, dass es immer schwieriger wird die Fernsehanstalten davon zu überzeugen die Turnwettkämpfe zu übertragen, vor allem wenn es um Live-Sendungen geht. Ich denke die UEG muss vielleicht in Zukunft ihre Fernsehverträge erweitern und diversifizieren. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, Mitglieder der EBU (Eurovision) mit welcher die UEG unter Vertrag steht, tendieren ihre Leistungen zu reduzieren. Die UEG muss also parallel dazu den Weg der Privatisierung anstreben, d.h. zu kommerziellen TV-Anstalten welche am Turnsport interessiert sind. Dies wird nicht morgen geschehen, aber ganz sicher übermorgen.

Bis heute wurde die Austragung der Europameisterschaften immer einem Nationalverband übertragen. Wäre es denkbar, dass man direkt mit einer Stadt verhandelt die an internationalen sportlichen Großanlässen interessiert ist?
Es wäre sicher möglich, enger mit einer Stadt zu arbeiten, aber immer in Verbindung mit dem Nationalverband. Wenn die UEG direkt mit Austragungsorten arbeitet, könnte dies negative Auswirkungen für die NV haben. Ein Beispiel in der jüngeren Vergangenheit der UEG hat dies deutlich gemacht. Andererseits, wenn z.B. Vertragsinhalte nicht eingehalten werden, könnte die UEG noch einen gewissen Druck auf ihre Mitgliedsverbände ausüben. Bei einer Stadt wäre dies nicht möglich. In einzelnen Fällen, könnten wir z.B. unsere Verträge so anpassen, dass sie drei Vertragspartner vorsehen (UEG-NV-Stadt).

Das Geld ist der Nerv des Krieges – im Turnen sogar sehr. In Ihrem Programm erwähnten Sie interessante und innovative Ideen in Sachen Partnerschaft.
Um gewisse Projekte umzusetzen, werden wir unbedingt unsere Einnahmequellen diversifizieren und die Kosten reduzieren müssen. Die Bildung einer Unternehmer-Gruppe könnte eine Lösung darstellen. Es würde sich dabei nicht um eigentliches Sponsoring handeln, aber um eine wirkliche Partnerschaft mit der UEG. Ich könnte mir vorstellen, dass internationale Firmen (z.B. Fluggesellschaften, Fahrwagen-Unternehmen o.a.) dazu beitragen könnten die Unkosten der Ausrichter in diesen spezifischen Bereichen zu reduzieren, indem sie Flugtickets, Leihwagen usw. zur Verfügung stellen. Eine andere Idee wäre, mit Firmen zusammenzuarbeiten, die den Einstieg von Athleten in das Berufsleben unterstützen. Andere Ideen müssen noch ausgearbeitet werden.

Themawechsel: Michel Platini, Ihr Landsmann, ist seit einiger Zeit Präsident der UEFA (Europäische Union der Fußballverbände). Kennen Sie ihn persönlich? Könnten Sie sich ein Treffen der beiden Europa- Präsidenten, welche dem Fußball und dem Turnen vorstehen, vorstellen?
Nein, ich kenne ihn nicht persönlich. Ich würde jedoch gerne einmal mit ihm zusammentreffen, dann könnten wir uns über etwaige gemeinsame Probleme austauschen. Ich bin mir jedoch bewusst, dass zwischen Fussball und Turnen Welten herrschen…

Möchten Sie zum kürzlich erfolgten Jahresbeginn einen Wunsch äussern?
Ich wünsche mir, dass alle Mitglieder des Exekutivkomittees und alle UEG-Behörden so motiviert sind wie ich es bin. Und dass es der europäischen Turngemeinschaft gelingt ihre 47 Mitgliedsverbände zu unterstützen. In Anbetracht der in Tel-Aviv stattgefundenen Wahlen bin ich zuversichtlich. Und zum Schluss ein ganz traditioneller Wunsch: GUTES UND GESUNDES NEUES JAHR!

[Interview: Danielle Duchoud/UEG Fotos: UEG]